Interviews, Risk & Compliance

GRC Meets Digitalisierung – Interview mit Dr. Stefan Otremba, FinLeap

Dr. Stefan Otremba
Group Chief Compliance Officer, FinLeap GmbH

Dr. Stefan Otremba
Group Chief Compliance Officer, FinLeap GmbH

Dr. Stefan Otremba ist Group Chief Compliance Officer der FinLeap GmbH. Er ist dort für den Aufbau und die nachhaltige Verankerung des Compliance Managements sowohl für den Company Builder als auch dessen Ventures verantwortlich. Davor war Dr. Otremba in verschiedenen Governance- und Finanzfunktionen in der Daimler AG tätig, zuletzt als Global Head of Anti-Money Laundering, Sanctions Compliance & Compliance Operations. Herr Otremba ist Sprecher des Forums Compliance & Integrity des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik sowie Autor diverser Publikationen im Bereich Governance, Risikomanagement & Compliance.

GRC-Management - Buch - Dr. Stefan Otremba

Die neueste Publikation von Dr. Stefan Otremba:

GRC-Management als interdisziplinäre Corporate Governance
Die Integration von Revision, Risiko- und Compliance-Management in Unternehmen

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GRC-Management als interdisziplinäre Corporate Governance
Die Integration von Revision, Risiko- und Compliance-Management in Unternehmen

we.CONECT: Nach 12 Jahren in verschiedenen Finanz- und Governance-Funktionen im Daimler-Konzern haben Sie zu Beginn dieses Jahres die Position des Group Chief Compliance Officers bei FinLeap, einem jungen und innovativen Company Builder in der FinTech-Branche, übernommen. Wie haben sich die Strukturen Ihres Arbeitsbereichs vom Großkonzern zum Startup verändert?

Dr. Otremba: Der Vergleich ist tatsächlich interessant: Daimler ist mit seinen 131 Jahren Firmengeschichte natürlich in einem ganz anderen Entwicklungsstadium als FinLeap, das bald den dritten Geburtstag feiert. Das hat Auswirkungen auf Strukturen und Prozesse – und nicht zuletzt die Geschwindigkeit, mit der Dinge umgesetzt werden. Hinzu kommen offensichtliche Unterschiede im Geschäftsmodell, in der globalen Geschäftstätigkeit und in den Geschäftspartnerkontakten. Unabhängig davon, was beide Unternehmen unterscheidet, gilt aber: Es geht es bei Compliance – egal in welchem Umfeld – stets darum, den „inneren Kompass“ einer Organisation zu stärken und ein auf Effektivität und Effizienz ausgerichtetes Compliance Management zu betreiben, das im Unternehmen als Mehrwert empfunden wird. Mein Rollenverständnis hat sich also nicht wesentlich verändert.

we.CONECT: Wie sieht dieses Rollenverständnis konkret aus?

Dr. Otremba: Chief Compliance Officer zu sein bedeutet für mich, komplexe regulatorische Anforderungen in die Praxis zu übersetzen – und zwar auf eine Weise, dass sie verstanden und als wichtiger Bestandteil der Unternehmensprozesse durch die operativ Handelnden akzeptiert werden. Ich denke Compliance daher nicht von der einzelnen Rechtsnorm her, sondern immer aus der Perspektive des Anwenders. Dazu sind meiner Meinung nach drei Kompetenzen wichtig: Erstens Fachkompetenz in rechtlichen Fragen sowie ein profundes Verständnis des Geschäftsmodells, weil ich nur so in der Lage bin, den Fachbereichen auf Augenhöhe zu begegnen. Zweitens methodische Kompetenz, weil die Art und Weise, wie ich Compliance im Unternehmen etabliere, mit darüber entscheidet, ob es ernst genommen wird. Und drittens Sozialkompetenz, weil kommunikative und empathische Fähigkeiten den Chief Compliance Officer (CCO) erst zu einer Person machen, der man vertraut und an die man sich auch bei schwierigen Fragen gerne wendet.

we.CONECT: Welche Rolle spielt Compliance bei der FinLeap GmbH und welche besonderen Herausforderungen sehen Sie für die Ausgestaltung von Compliance?

Dr. Otremba: FinLeap hatte schon immer einen recht starken Fokus auf Regulatorik, weil wir Geschäftsmodelle in einem regulierten Umfeld entwickeln. Das unterscheidet uns vielleicht von manchen Digitalunternehmen – und das ist es auch, was mich an der Rolle des Chief Compliance Officers reizt. Jetzt geht es darum, das nächste Level zu erreichen. Die in diesem Umfeld bestehenden Compliance-Anforderungen sicherzustellen, ohne an Innovativität und Geschwindigkeit zu verlieren: Das ist die zentrale Herausforderung für mich und mein Team.

we.CONECT: Stichwort „verantwortungsvolle Unternehmensführung“: Welchen Beitrag kann Compliance dazu leisten?

Dr. Otremba: Verantwortungsvolle Unternehmensführung bedeutet für mich, dass Unternehmen dort Verantwortung für ihr Umfeld übernehmen, wo sie Einfluss auf dieses ausüben. Da es dem (nationalstaatlichen) Gesetzgeber immer schwerer fällt, mit der Dynamik einer globalisierten und zunehmend digitalisierten Wirtschaftswelt Schritt zu halten, bedarf es interner Instanzen, die dem Unternehmen dabei helfen, seinen inneren Kompass immer wieder neu zu eichen. Dem CCO kommt hierbei eine besondere Aufgabe zu. Ich sehe Compliance daher stets als eine Trias aus Ethik, Ökonomik und Recht.

we.CONECT: Inwieweit schätzen Sie die Verzahnung von Compliance und Risikomanagement als sinnvoll ein? Oder macht es aus Ihrer Sicht Sinn, die Bereiche in Unternehmen getrennt zu etablieren?

Dr. Otremba: Ich halte die enge Verzahnung von Compliance und Risikomanagement für einen wesentlichen Erfolgsfaktor beim Management von finanziellen, rechtlichen und Reputationsrisiken. Durch die Verknüpfung der Governance-Funktionen untereinander können Synergiepotenziale genutzt und Risiken effektiver und effizienter gesteuert werden. In meinem hierzu erschienenen Buch zum Thema „GRC-Management“ plädiere ich sogar für eine vollständige aufbauorganisatorische Integration von Risiko- und Compliance-Management, weil ich der Auffassung bin, dass erst hierdurch eine vollständige Transparenz über die Risikolage eines Unternehmens hergestellt und der Mehrwert für die operative und strategische Unternehmensführung optimiert werden kann. Deshalb ist das der Weg, den wir auch bei FinLeap gehen.

we.CONECT: Inwieweit unterscheiden sich in diesem Zusammenhang auch strategische und operative Ansätze zur Einführung bzw. Umsetzung von Compliance im eigenen Unternehmen / in den Venture-Vorhaben?

Dr. Otremba: Sie sprechen einen Punkt an, der mir sehr wichtig ist: Compliance ist vor allem dann wirksam, wenn es auf die konkreten Kontextbedingungen eines Unternehmens ausgerichtet ist. Gleichzeitig ist es gerade in einem auf Dynamik und Effizienz basierenden Umfeld wichtig, das Rad nicht immer neu zu erfinden, sondern von gemeinsam geteilten Prozessen zu profitieren. Konkret heißt das, dass ich mich genau mit den Geschäftsmodellen unserer mittlerweile 12 Ventures beschäftige und bei neuen Venture-Vorhaben bereits während der Stealth-Phase eng eingebunden werde, um passgenaue Lösungen zu entwickeln und Synergiepotenziale zu eruieren. Immer nach dem Motto: Soviel Gemeinsamkeit wie möglich, soviel Spezifik wie nötig.

we.CONECT: Welche Möglichkeiten zum Austausch nutzen Sie? Wie erhalten Sie Impulse für Ihre tägliche Arbeit?

Dr. Otremba: Ich schätze den persönlichen Austausch sehr, weil er mir ermöglicht, im Dialog Herausforderungen zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. So habe ich den Daimler-Konzern einige Jahre bei den Initiativen des United Nations Global Compact zur Korruptionsbekämpfung vertreten. Hier ist mir erst wirklich bewusst geworden, welche Bedeutung Compliance für die gesellschaftliche Entwicklung von Ländern hat. Seit einigen Jahren bin ich im Forum Compliance & Integrity des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik engagiert, mittlerweile als Co-Sprecher. Diese Plattform schätze ich besonders, weil sie wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig auf die konkrete Anwendung ausgerichtet ist. Ein echter Think Tank mit großem unmittelbaren Mehrwert. Darüber hinaus nutze ich den bilateralen Austausch, um Impulse für meine tägliche Arbeit zu erhalten oder auch weiterzugeben.

we.CONECT: Worum wird es in Ihrer Session auf der CGC Strategies 2017 gehen?

Dr. Otremba: Ich werde an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, die sich mit der Frage beschäftigt, wie die Digitalisierung die Welt von Governance, Risk & Compliance beeinflusst. Im Mittelpunkt steht für mich das folgende Spannungsfeld: Während der Umfang an Informationen im Zuge der Digitalisierung immer stärker zunimmt, nimmt die Zeit, sich mit diesen Informationen zu beschäftigen, diese zu bewerten und Entscheidungen zu treffen, scheinbar immer weiter ab. In diesem Spannungsfeld wird es immer wichtiger, bedeutende von irrelevanten Daten zu unterscheiden und gut abgewogene Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig geht es darum, die sich durch Big Data und Artificial Intelligence bietenden Chancen zu erkennen und für die eigene Arbeit gezielt zu nutzen. Als Governance-Funktion ist es mir dabei wichtig, nicht von diesen Entwicklungen getrieben zu werden, sondern diese aktiv mitzugestalten und von ihnen zu profitieren.

we.CONECT: Welche Erwartungen haben Sie an den aktiven Austausch mit Experten und Kollegen auf der Konferenz?

Dr. Otremba: Ich bin sicher, dass die Vorträge und die zahlreichen Gespräche im Verlauf der Konferenz nicht nur persönlich angenehm, sondern professionell hoch relevant sein werden. Wir sind alle dort, um voneinander zu lernen. Das erfordert gegenseitige Offenheit, Respekt für andere Ansätze und Wertschätzung für den Gegenüber. Ich freue mich auf den Austausch und hoffe auf zahlreiche Impulse.

we.CONECT: Vielen Dank für das Interview!

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