Interviews, Manufacturing

Universität St. Gallen: Industrie 4.0 – quo vadis?

Prof. Dr. Oliver Gassmann
Direktionsvorsitzender, Universität St. Gallen

Die Technologie für Industrie 4.0 ist bereits heute umfassend verfügbar, von Sensorik, Connectivity bis zu Datenanalytik. Trotzdem gibt es noch immense Umsetzungshindernisse für intelligente Produkte, selbstorganisierende Produktion, on-demand Logistik und Losgröße eins.

Oft fehlt hierfür jedoch das richtige Geschäftsmodell, bei dem die Fragen nach Kunden, Nutzenversprechen, Wertschöpfungsarchitektur und Ertragsmodell noch nicht hinreichend durchdacht worden sind. Dabei können durch Vernetzung und Digitalisierung von Wertschöpfungsketten enorme Produktivitätspotentiale gehoben werden, wenn das richtige Geschäftsmodell gefunden wird.

Der Sprung zur durchgängig digitalisierten Wertschöpfung wird große Spuren für die Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft mit sich bringen. Spielregeln in Industrien ändern sich, neue komplementäre Kompetenzen werden benötigt, bisherige Erfolgsfaktoren reichen nicht mehr aus, unbekannte Risiken werden eingegangen.

we.CONECT: Auf der Rethink! SPMS2016 präsentieren Sie die Dinner Keynote: „Industrie 4.0 – quo vadis? Vision, Erfolgsfaktoren und Umsetzung“. Was bedeutet Industrie 4.0 für die zukünftige Wertschöpfung?

Prof. Dr. Oliver Gassmann: Industrie 4.0 oder das Industrial IoT vernetzt die Wertschöpfungskette in völlig neuen Dimensionen. Richtig verstanden, entstehen derzeit enorme Chancen durch intelligente Vernetzung der Produktion.

Welchen aktuellen Stellenwert hat Industrie 4.0 für die Produktion?

Einige Unternehmen haben diese Chancen schon erkannt und beginnen mit weitergehenden Experimenten. Aber viele produzierende Betriebe verschlafen derzeit die große Transformation. Wir werden auch in der Produktion eine Modernisierung feststellen, bei der neue plattformbasierte Unternehmen Wertschöpfungsbeiträge von den etablierten Unternehmen abschneiden werden. Es entsteht schon jetzt ein Kampf um die Vorherrschaft der digitalen Drehscheibe, welche immer mehr unternehmensübergreifend wirkt.

Was sind die Erfolgsfaktoren durch Industrie 4.0?

Oft wird gestartet mit einem digitalen Kompass, bei dem analysiert wird, was in welchen Funktionen möglich ist. Kern ist aber das dahinterliegende Geschäftsmodell: Wer ist der Kunde? Was ist das Nutzenversprechen? Wie wird dieses umgesetzt? Warum ist das Geschäft für beide Seiten profitabel? Werden diese Fragen nicht schlüssig und innovativ beantwortet, so bringen alle Sensoren und generierte Daten nichts. (Zu innovativen Mustern von Geschäftsmodellen siehe auch www.bmi-lab.ch).

Wo sehen Sie die größten Hindernisse bei der Umsetzung von Industrie 4.0?

Der Mensch und der Wille zur Veränderung ist das größte Hindernis. Hier muss angesetzt werden. Es reicht dabei nicht aus, wenn der IT-Verantwortliche in die Produktion geht. Es muss ein enormes Umdenken in allen Funktionsbereichen stattfinden. Nicht alles, was gewagt wird, gelingt. Aber alles, was gelingt, wurde einmal gewagt.

Über Prof. Dr. Gassmann

Oliver Gassmann ist seit 2002 Professor für Innovationsmanagement an der Universität St. Gallen und leitet das Institut für Technologiemanagement sowie das Global Center for Entrepreneurship & Innovation. Vor seiner akademischen Karriere war Gassmann mehrere Jahre als Forschungsleiter für Schindler tätig. Er ist Gründungspartner von BGW, BMI-Lab und GLORAD sowie Mitglied mehrerer Verwaltungsräte. Als einer der meist zitierten Innovationsforscher publizierte er über 350 Fachpublikationen. Sein Buch ‘Business Model Navigator’ wurde ein internationaler Bestseller.

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